Schwarmvermehrung

In der Naturwabenimkerei ist die Schwarmvermehrung eine selbstverständliche Angelegenheit. Der Schwarm hat einen tiefen biologischen Sinn, denn jedes Bienenvolk hat im Grunde eine intakte göttliche Ordnung. Die Heilkraft, die in dieser Form der Vermehrung steckt, ist von großer Bedeutung. Das Auf- und Abtanzen des ausgezogenen Schwarms ist eine gemeinsame Energie, ein Ritual, welches das ganze Volk verbindet, stärkt und zu einer neuen Einheit verschmelzen lässt. Dieses neue Volk entwickelt eine Gemeinschaft, die von Anfang an harmoniert. Dies dauert bei künstlich zusammengestellten Völkern viel länger. Das zeigt sich bei der Reinvasion im Herbst.

Das Schauspiel, wenn ein Schwarm auszieht, ist kaum in Worte zu fassen. Als Beobachter spürt man hautnah die Freude, die Energie und Kraft, die in diesem Leben steckt. Das Summen und Surren der ausgelassen tanzenden Bienen ist atemberaubend und ansteckend. Es ist eine Energie, die auch den Zuschauer stärkt und eine ganz besondere Musik in unseren Ohren. Da drängt sich einfach der Vergleich mit einer ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft bei uns Menschen auf.

Sobald sich dann der Schwarm beruhigt, sammelt er sich in einer Traube an einem Ast, Dachvorsprung oder ähnlichem. Dabei wird das ganze Volk von vergleichsweise wenigen Bienen gehalten. Dies scheint mir ein ganz wichtiger Vorgang zu sein, der sich positiv auf die Schwarmintelligenz auswirkt. Beim Beobachten bemerkt man eine ständige Bewegung in der Traube, die Bienen rotieren von innen nach außen und umgekehrt. Hier scheint eines der Geheimnisse der Schwärmerei zu liegen, denn dabei entsteht eine Verbundenheit zur Königin und zum Gesamtorganismus Bien. Jeder Schwarm schwört sich sozusagen neu auf seine Bestimmung ein.

Gleichzeitig werden Spurbienen ausgesandt, die nach einem neuen Zuhause suchen. Das können hohle Bäume, Dachvorsprünge oder auch einmal leerstehende Bienenkästen oder große Vogelkästen sein. Diese geeigneten Behausungen sind aber heutzutage in der Natur kaum noch zu finden, deshalb kann der Einzug schon mal bis zum nächsten Tag dauern. Die Schwänzeltänze, die derweilen auf der Schwarmtraube zu sehen sind, begeistern uns immer wieder. Was zunächst als Chaos oder zufällige Bewegung wirkt, entpuppt sich bei längerem Beobachten als wohlorganisierte und tiefgründige Verständigung. Eine fängt an zu tanzen, und immer mehr machen mit, als wäre das ansteckend. Klopfzeichen nach innen übertragen den Rhythmus auf das ganze Volk, somit werden dem ganzen Volk der Weg und die Richtung angezeigt. Sobald alle mit dem neuen Zuhause einverstanden sind, geht es los: die ganze Traube erhebt sich wie in einer dunklen Wolke und fliegt dem neuen Heim entgegen.


Doch fängt jeder Imker diesen Schwarm lieber selber ein um neue starke Bienenvölker für die Bestäubung unserer Nutzpflanzen zu erhalten. Ist der Schwarm eingefangen, lassen wir diesen über ein Brett in seine neue Behausung einziehen.

Wir haben festgestellt, dass es einfacher ist, das Volk einlaufen zu lassen, als es direkt in den Bienenkasten zu schütten. Dieser Weg ist schonender, weil weniger Bienen gequetscht werden und sie ihre Behausung auch erkunden können. Sobald die Königin in den Bienenkasten eingezogen ist, folgt das ganz Volk wie magnetisch angezogen, und der Bien beginnt sofort mit dem Wabenbau. Wenn es sich um einen Nachschwarm handelt, gibt es oft dramatische Erlebnisse, auf dem Brett zu beobachten: in einem Nachschwarm sind fast immer mehrere Königinnen, die auf dem Brett hin und her laufen und über die Arbeitsbienen klettern, anscheinend um ihren Duft zu verbreiten. Dadurch soll vermutlich ein eigenes Volk gesammelt werden. Nimmt eine Königin eine Konkurrentin wahr, greift sie diese sofort an und ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Sobald klar ist, wer als Siegerin hervorgeht, stürzen sich sofort die Arbeiterinnen auf die unterlegene Königin und stechen sie ab. Hier gilt das Naturgesetz: die Stärkere führt das Volk.



Am Anfang habe ich (Udo Pollack) oft eine der Königinnen als stille Reserve in einen EWK (Ablegerkasten) mit ein paar Hundert Arbeiterinnen gegeben, um für Notzeiten Ersatz zu haben. Doch mir ist schnell bewusst geworden, dass dies auch ein künstlicher und überflüssiger Eingriff ist, denn ich weiß ja gar nicht, welche die stärkste Königin ist. Außerdem habe ich diese noch kein einziges Mal gebraucht und wenn der Winter kam, war dieser Ableger zu schwach und konnte nicht überleben. Die natürliche Auslese ist eben doch das Beste, ich brauche nicht mehr einzugreifen und die Bienen danken es mir.

Das neu gebildete Volk braucht weder eine Kellerhaft noch sonstige zusätzliche Maßnahmen wie Füttern. Mit dem Zufüttern gibt es eine Ausnahme: wenn die Trachtlage sehr schlecht ist oder das Wetter über mehrere Wochen dem Bien das Ausfliegen und Sammeln von Nektar kaum ermöglicht, sollten wir regelmäßig in sehr kleinen Mengen füttern.



Das neue Bienenvolk kann ohne Probleme an jedem Ort aufgestellt werden. Durch die vom Bien gewählte eigene Volksbildung bleiben alle Bienen von Anfang an bei ihrer Königin, denn der Duft ist ihnen ja bekannt. Das ist im Herbst von großer Bedeutung, denn einen Verflug, wie es immer wieder beschrieben wird, konnte ich (Udo Pollack) bis jetzt noch nicht feststellen. Ich denke, das kommt vor allem bei künstlich erstellten Völkern vor, denn ihre Duftmarken stammen aus verschiedenen Völkern. Somit liegt keine einheitliche Nestduftmarke vor und die Wächterinnen tun sich schwerer damit, fremde Bienen zu erkennen. Das Vagabundisieren ist damit vorprogrammiert.